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[1] Patmos Verlag

Wie sind Sie auf das Thema Nahtoderfahrung gekommen?
Als Kardiologe hatte ich das Privileg, viele Patienten zu treffen, die bereit waren, mir von ihren Nahtoderfahrungen zu erzählen. Ich hatte gelernt, dass solch eine Erfahrung von einem außergewöhnlichen Bewusstsein unmöglich ist: Bewusstlos zu sein bedeutet eben, dass man kein Bewusstsein mehr hat, und das trifft für Menschen zu, die einen Herzstillstand erleiden oder im Koma liegen.
Bei mir fing alles mit Neugier an. Das Phänomen der Nahtoderfahrung warf viele fundamentale Fragen auf. Eine NTE (Nahtoderfahrung) ist ein spezieller Bewusstseinszustand, der während der Phase eines unmittelbar bevorstehenden physischen Todes oder während Todesangst auftritt. Aber wie und warum ereignet sich eine Nahtoderfahrung? Wie entsteht der Inhalt einer NTE? Warum verändert sich das Leben eines Menschen so radikal nach einer NTE? Um mehr verlässliche Daten zu erhalten, die die vorhandenen Theorien über die Ursache von NTE entweder bestätigen oder widerlegen sollten, brauchte man eine genaue wissenschaftliche Untersuchung. Dies war der Grund, warum wir 1988 in den Niederlanden eine prospektive Studie mit 344 Überlebenden eines Herzstillstandes durchführten. Die Niederländische Studie wurde 2001 in The Lancet veröffentlicht.

Welche neuen Erkenntnisse haben Sie durch ihre Beschäftigung mit dem Thema gewonnen?
In der niederländischen Studie verglichen wir die aufgenommenen Daten von 62 Patienten mit einer NTE mit den Daten von 282 Patienten ohne NTE. Zu unserer großen Überraschung konnten wir keinen signifikanten Unterschied in den medizinischen, pharmakologischen oder psychologischen Faktoren feststellen, der die Ursache oder den Inhalt einer NTE hätte erklären können. Wir waren insbesondere überrascht, dass wir keine medizinische Erklärung für das Auftreten einer NTE fanden. Wenn eine physiologische Erklärung wie Sauerstoffmangel zuträfe, würde man erwarten, dass alle Patienten in unserer Studie von einer NTE berichtet hätten. Unser Studie war die erste, die auch mit Längsschnittuntersuchungen arbeitete, indem wir Interviews nach zwei und noch mal nach acht Jahren durchführten. Dies erlaubte uns den Veränderungsprozess von Menschen mit und ohne Nahtoderfahrungen zu vergleichen. Nur Patienten mit Nahtoderfahrungen zeigten spezifische Veränderungen, und dass die Folgen einer Erfahrung, die nur wenige Minuten andauerte, so langanhaltend waren, hatten wir nicht erwartet. Wir identifizierten ein ausgeprägtes Veränderungsmuster bei Menschen mit einer NTE und fanden heraus, dass es ein langer und beschwerlicher Prozess ist, diese Veränderungen ins Leben zu integrieren. Nach einer NTE sind Menschen davon überzeugt, dass unser Bewusstsein nach dem physischen Tod weiter besteht. Aber wir sollten einräumen, dass Forschungen über Nahtoderfahrungen uns keinen unwiderlegbaren Beweis für diese Schlussfolgerung liefern können, weil Menschen mit einer NTE nicht ganz gestorben sind, aber sie alle waren dem Tod sehr nahe, ohne ein funktionierendes Gehirn. Jedoch ist es wissenschaftlich erwiesen, dass während einer Nahtoderfahrung ein gesteigertes Bewusstsein erfahren wird, unabhängig von der Gehirnfunktion.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Ich benutze diesen Ausdruck „Leben nach dem Tod" nicht, weil Leben etwas ist, das nur in dieser irdischen, physikalischen Dimension existiert, mit entstehenden und sterbenden Zellen, mit Fortpflanzung und Verfall. Wenn wir den Schlussfolgerungen verschiedener prospektiver Studien zur NTE folgen, ist der Tod vermutlich nur das Ende unserer physischen Existenz. So kann man der Schlussfolgerung nicht aus dem Weg gehen, dass endloses Bewusstsein unabhängig vom Körper existiert und immer existieren wird. Deshalb sollten wir in der Tat ernsthaft die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass der Tod, genauso wie die Geburt, nur ein Übergang von einem Bewusstseinszustand zu einem anderen sein kann, und dass der Körper während des Lebens wie eine Schnittstelle oder ein Resonanzort fungiert.

Angenommen, es gäbe ein Leben nach dem Tod. Wie würde sich das Leben jedes einzelnen von uns verändern, wenn wir dies wüssten?
Ich würde gerne Dag Hammarskjöld zitieren: „Unsere Vorstellungen vom Tod bestimmen, wie wir unser Leben leben." Solange wir glauben, dass der Tod das Ende von allem, was wir sind, darstellt, werden wir unsere Energie in die vorübergehenden und materiellen Aspekte unseres Lebens stecken. Wir sollten begreifen, dass unsere Sicht auf die Welt falsch ist, weil wir nicht erkennen, dass die Welt, wie wir sie sehen, sich von der subjektiven Realität unseres Bewusstseins ableitet. Unser Bewusstsein allein bestimmt, wie wir die Welt sehen.

Sind sie ein religiöser Mensch beziehungsweise glauben Sie an etwas?
Ich bin ein religiöser Mensch, aber ich gehöre keiner kirchlichen Institution an. Das Konzept eines Bewusstseins, das unabhängig vom Körper existiert, gab es in allen Zeiten, Religionen und Kulturen. Meine zahlreichen Gespräche mit Menschen, die eine NTE erlebten, und meine detaillierten Studien über die potentielle Aussagekraft einer NTE haben meine Sichtweise auf die Bedeutung von Leben und Tod verändert. Ich fühle mich mehr mit der Natur verbunden und begreife, dass alles seine Ursache im Bewusstsein hat. So habe ich viel gelernt von den Einsichten, die man durch eine Beschäftigung mit NTE erlangen kann und ich bin davon überzeugt, dass man keine eigene Nahtod-Erfahrung braucht, um Leben und Tod neu zu betrachten.

Wie vereinbaren Sie Ihre Arbeit als Wissenschaftler damit?

Für mich war das nie ein Problem. Als Wissenschaftler sollte man Fragen offen und ohne Vorurteile stellen. Und die Tatsache, dass ich mich mit anderen und der Natur verbunden fühle, hindert mich nicht daran, ein guter Arzt oder Wissenschaftler zu sein.